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Christoph Meckel

Tarnkappe 
Gesammelte Gedichte

Carl Hanser Verlag, 2015


„Ich wünsche zu Leben gottgleich, leer, nicht beladen./ Ohne Zeit außer der, die gebraucht wird, den Satz zu beenden.“ Christoph Meckels Dichtung scheint nur von dem Verlangen getragen zu sein, in ihr den unmittelbaren Ausdruck für das Hier und Jetzt zu finden. So sagt Meckel selbst über Dichtung: „ Ich sage Mond – da schwebt er. Ich sage Stein – da liegt er. Ich sage Haus – da steht es. Poesie setzt den Gegenstand und sein Wort in eins, die Wissenschaft trennt sie.“ Wolfgang Matz, der Herausgeber der Gesammelten Gedichte, hebt hervor, dass Meckel sich in seiner Vielseitigkeit nicht in gängige Kategorien oder Stilrichtungen, wie Klassik, Expressionismus, Surrealismus oder die Zuschreibung „politischer Dichter“ einordnen lässt und zugleich bedient er sich ihrer aller. Fernab der illustren Künstlerzirkel und ihrer Moden ist Meckels Sprache die eines umherziehenden Geistes, der immer nach dem direkten Ausdruck seiner gegenwärtigen Beschäftigung sucht.
Meckel schreibt einerseits mit einer ernüchternden Schroffheit vom Verfall, Dinge, die entseelt nur auf ihr Stoffliches reduziert sind, menschliche Körper, die sich auflösen und Knochen, Lippen, Blut und Haut, die in Containern entsorgt werden. Apokalyptisch erscheinen jene Zeilen, die von der Zerstörung von Erde und Umwelt singen: „Und als wir die Erde erledigt hatten/ legten wir Gift für den Himmel aus. Der/ senkte sich und fraß, und die Sonne, befallen/ von Übelkeit, übergab sich in unsere Augen.“ Düster und deprimierend wird die die Sehnsucht nach Schönheit und Seelenhaftem erschüttert. Es ist eine Anklageschrift, die sich gegen den allumfassenden Raubbau und seine kalte Bürokratie richtet, die alles verdinglicht und statt mit dem Maß des Herzens, mit dem Reglement der Verwaltbarkeit regiert: „weil ich ihn lachen sehe und weiß:/Aktenzeichen, Vermerke/ halten sich an ihm schadlos, er wird nicht sterben/ an Gas, an Sprengstoff, an Eisen/ sondern an zuviel oder zuwenig Papier“.
Und das was uns so schmerzlich fehlt in den harschen Gedichten, findet sich andernorts im Mitgefühl mit dem Menschen – ganz unabhängig davon, ob er nun gemeinhin als gut oder böse gilt – in der Sanftmut und Güte als Gegenpol zur Grausamkeit: „Ich sage euch, er hat getan, was er konnte. Finsterem sprach er vor, er lag Kopf an Kopf mit Kröten und nahm ihnen Küsse ab (…) Nehmt ihn zu euch, sagt ihm, ihr seid zufrieden, gebt ihm was zu lachen, zu schlafen, zu leben, zu sterben, singt ihm, winkt ihm!“ 
Meckel zeigt sich als Troubadour, der Getrenntes wieder zusammenbringt, wenn er das Wesentliche in einer kleinen, fast alltäglichen Geste oder Situation sucht und sich damit doch einem tiefen Sinn anzunähern scheint, erinnert das an die japanischen Haikus, die in einem perfektionierten Minimalismus eine gänzlich vom Verstand unabhängige Pforte zu öffenen versuchen. „Die Luft hat keinen Hunger / und steht still. / Brennnesseln wachsen / vor dem Haus im Garten. / Die Stille horcht / was mit der Welt geschieht. / Nichts nur die Spitzmaus raschelt in der Falle.“ So wie uns seine Gedichte mit Grauen und Traurigkeit beschlagen, so rufen sie das leise und sehr tiefe Gefühl von heiterer Erfülltheit hervorrufen. Die schmerzliche Erfahrung einer zerstörten Zusammengehörigkeit in und mit der Welt wird zur Vorbedingung für eine Wiedervereinigung, auf deren Suche sich der Dichter befindet.
Der mit seinen hauchdünnen Seiten klassisch anmutende Band lädt den Leser ein, auf die Suche nach dem roten Faden im Gesamtwerk Meckels zu gehen. Viele Lesarten von Poesie bietet dieses Kompendium, das der Herausgeber mit der Unterstützung und dem Einverständnis des Autors hier zusammengetragen hat. So findet sich neben den ernsthaften, manchmal traurigen, manchmal berührenden Tönen ein Humor, den Meckel schon in seiner ersten Veröffentlichung als 20-Jähriger in seinen selbstbewusst ungewöhnlichen Sprachbildern gezeigt hatte: „Doch geborgen unter dem Schirm verfinsterter Monde/ geh ich auf Abenteuer und habe viel zu tun,/ ich muß mit meinem Namen leben lernen/ und mit meinem Alter hausieren gehn,/ ich muß für mein leeres Zimmer Blumen stehlen,/ denn mein Schutzengel kommt zu mir zum Abendessen.“
(hkl)

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 Stand: 08. Februar 2016