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Fatma Aydemir  

Ellbogen



Carl Hanser Verlag, 2016

   

Hazal, Hauptfigur und Ich-Erzählerin in Fatma Aydemirs Roman, eine 17jährige Jugendliche, klever und vordergründig agressiv, lebt mit ihren aus der Türkei stammenden Eltern, in Berlin-Wedding. Die Konventionen, die Mutlosigkeit, die Verachtung, die Hazal in der Beziehung ihrer Eltern wahrnimmt, beschreiben auch ihre eigene Situation, und die wird bei Aydemir sehr plastisch, wenn Hazal erzählt, wie sie in einer Obsession zu putzen beginnt, „schrubbe mit der kratzigen Seite des Schwamms die eingetrockneten Flecken aus den Ecken heraus. Ich sprühe noch mehr Fettlöser und drücke fester, und schrubbe wie irre, als wären das da in der Spüle nicht Kalkflecken, sondern Gehirnflecken, die ich loswerden muss.“
Hazal und ihre drei gleichaltrigen Freundinnen, die in ähnlichen sozial schwierigen und auch desolaten Lebensumständen aufgewachsen sind, sind hungrig danach, dem Alltäglichen zu entkommen, wollen Anerkennung und Bestätigung erfahren. Und wenn der Druck zu groß wird, können sie, die wieder und wieder erfahrenen Frustrationen, auch Kleinigkeiten, zu gewaltätigsten Gefühlsausbrüchen treiben.
So dreht sich Aydemirs Roman, wie in einer nicht aufzuhaltenden, schicksalhaften Entwicklung, unmerklich hoch. Die anfängliche Comming-of-Age-Erzählung, die den Leser emotional mitreisst, implodiert: Mit einer fatalen Gewaltat ist Hazals bisheriges Leben zu Ende. Von einem Tag zum anderen geschieht ihr Leben nun als Fremde und Geflohene in Istanbul, für sie eine Stadt, in der sie noch nie gewesen ist. Nun in einer ganz anderen misslichen Lage, doch irgendwie auch befreit, könnte sie ihren Sehnsüchten Raum für etwas Neubeginnendes geben, aber ein quälender innerer Widerstreit zwischen Schuldeingeständnissen und einer totzigen emotionalen Erstarrung, lässt sie in einem düsteren Gefühlsvakuum zurück.

In ihrem ersten Roman besticht Fatma Aydemir von der ersten Zeile an durch eine faszinierend schnelle, heftige und ungeschminkte Ausdrucksweise, die sich dennoch, in fast unsichtbaren Schritten, in eine eine zarte und poetische Sprache wandelt.  
Der Fortgang dieser, von der Protagonistin ganz persönlich erzählten, erschütternden Geschichte, kriecht dem Leser wirklich unter die Haut und löst durch die mitziehende, manchmal den Atem raubende Sprache und einem Changieren zwischen äußerlichem Agieren und innerlichem Erleben der Ich-Erzählerin, eine Art empathische Reflektion aus.
(bpk)  

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Literatur in Berlin: www.literarisches-berlin.de  © 2008-2017 yuba edition / Axel Klappoth (Berlin)
 Stand: 10. März 2017